Über das Projekt
Auf dem Dachboden von Schloss Tratzberg im Tiroler Unterinntal lagert das Archiv der Herrschaft — rund 100 Laufmeter Kaufbriefe, Rechnungen, Urbare, Lehensbriefe und Korrespondenz vom frühen 16. bis ins späte 19. Jahrhundert. Freiwillige machen diesen Bestand Schritt für Schritt zugänglich: erst gescannt, dann hier gemeinsam erschlossen.
Das Schloss
Tratzberg wird im 13. Jahrhundert erstmals genannt, damals als Grenzfeste gegen Bayern. Nach dem Brand der alten Burg 1492 kam die Anlage von Kaiser Maximilian I. an die Schwazer Silbergewerken Tänzl, die ab 1500 den heutigen Bau errichteten; unter Georg von Ilsung und den Fuggern erhielt er im 16. Jahrhundert seine Renaissance-Gestalt. Seit 1847 ist das Schloss im Besitz der Familie Enzenberg — bis heute bewohnt, gepflegt und öffentlich zugänglich, mit original erhaltenen Räumen aus dem 16. Jahrhundert.
Schlossherr Ulrich Goëss-Enzenberg führt das Haus in fünfter Generation. „Es ist meine persönliche Aufgabe, die Erhaltung dieses einzigartigen Erbes für kommende Generationen sicherzustellen", sagt er — und dieses Verständnis von Verantwortung endet nicht bei Mauern und Möbeln: Mit der Öffnung des Familienarchivs für die Digitalisierung und die freie Online-Stellung macht er einen Bestand zugänglich, der jahrhundertelang nur wenigen zugänglich war.
Das Archiv und seine Bedeutung
Das Herrschaftsarchiv Tratzberg zählt zu den bedeutendsten privaten Adelsarchiven Tirols. Es ist nach Orten und Themen geordnet: Jeder Buchstabe steht für einen Ort oder ein Thema (A Weer, B Pill, C Schwaz, D Buch, G Tratzberg, U Familienbesitz …), darunter folgen die Faszikel — Bündel von einigen hundert Doppelseiten. Seine Bedeutung ist eine dreifache:
- Für die Region Schwaz: Beim Brand von Schwaz im Mai 1809 gingen wesentliche Teile der städtischen Archivbestände unwiederbringlich verloren. Für viele Fragen der Schwazer Stadt- und Wirtschaftsgeschichte ist das Tratzberger Archiv eine teils ersetzende Überlieferung.
- Für die Familienforschung: Die Rechnungs- und Verwaltungsbücher enthalten tausende Namen — Lieferanten, Handwerker, Arbeiter, Dienstboten bis hin zu Almosenempfängern: gerade jene Menschen, die in anderen Quellen kaum Spuren hinterlassen haben.
- Für die Wissenschaft: Die seriellen Quellen erlauben wirtschafts-, sozial- und montangeschichtliche Untersuchungen über lange Zeiträume — und über die Rechnungsbücher lassen sich Fragen zur Bau- und Ausstattungsgeschichte des Schlosses selbst klären.
Die Freiwilligen
Das Herzstück des Projekts sind die Freiwilligen. In den Jahren 2025 und 2026 haben sie — ausschließlich ehrenamtlich — rund 40.000 Aufnahmen erstellt: Faszikel gereinigt, geordnet, Blatt für Blatt gescannt und kontrolliert. Über 36.000 dieser Aufnahmen sind hier bereits online durchblätterbar. Gescannt wurde im Sommer auf dem Schloss; in den Wintermonaten stellte das Stadtarchiv Schwaz seine Räume zur Verfügung. Viele der Beteiligten sind Ortschronistinnen und Ortschronisten aus dem Netzwerk des Tiroler Bildungsforums.
Die Webanzeige nutzt verkleinerte Fassungen der Scans; die hochauflösenden Originale bleiben dauerhaft archiviert.
Zuerst digitalisieren, dann erschließen
Klassische Archivprojekte erschließen zuerst und veröffentlichen dann — dieses Projekt dreht die Reihenfolge um: Jeder gescannte Faszikel geht sofort vollständig online, auch ganz ohne Beschreibung. Die Erschließung — Titel, Datierung, Regest, die Einteilung in Dossiers — entsteht danach, öffentlich nachvollziehbar, durch Freiwillige. Erschlossen heißt dabei: mindestens eine Person hat die Grunddaten des Dokuments erfasst; jedes Dokument wird mehrfach unabhängig bearbeitet. Auf der Startseite zeigt jede Faszikel-Zeile, wie weit beides ist — und ob gerade jemand daran arbeitet.
Partner und Kooperationen
- Familienstiftung Schloss Tratzberg — Trägerin des Projekts: Sie stellt Archiv, Räume und Infrastruktur bereit und betreut das Vorhaben vor Ort.
- Universität Innsbruck — wissenschaftliche Leitung (Günter Mühlberger, Digitization and Digital Preservation Group), Scan-Ausrüstung und Langzeitsicherung der Daten; das Forschungszentrum Regionalgeschichte begleitet das Projekt fachlich.
- Stadtarchiv Schwaz (Mag. Ursula Kirchner) — enge fachliche Partnerin: In den Wintermonaten wurde in den Räumen des Stadtarchivs gescannt; für die Geschichte der Stadt Schwaz ist das Tratzberger Archiv eine Überlieferung von besonderem Rang.
- Tiroler Bildungsforum (Bernhard Mertelseder, Leiter) — trägt das Projekt in das Netzwerk der Tiroler Ortschronistinnen und Ortschronisten und begleitet die Freiwilligenarbeit.
Mitmachen
Mitmachen kann man auf zwei Arten: hier auf dieser Seite bei der Erschließung der Dokumente — oder vor Ort beim Scannen der Bestände. Wer erschließt, bekommt Dokument für Dokument vorgelegt und erfasst die Grunddaten: Was für ein Stück ist es, von wann, wer schreibt wem, worum geht es? Kurrentkenntnisse helfen, sind aber keine Voraussetzung — jedes Feld kann als „unsicher“ markiert werden, und jedes Dokument wird mehrfach unabhängig erschlossen. Kontakt: info@scansion.de